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Orientierungshilfe für Anarchistische Gruppen

Theorie der Gruppe

Hier möchten wir kurz und bündig theoretische Grundlagen für selbstbestimmte, anarchistische Gruppen aufzeigen. Damit möchten wir unser Theorieverständnis erklären und einen relativ leicht zu verstehenden Grundlagentext für anarchistische Gruppen bereitstellen.

Es handelt sich um rein praktische Überlegungen, warum wir Anarchist*innen die Methode der selbstbestimmten Organisierung in die Gesellschaft tragen und verbreiten sollten. Dabei erklären wir unseren Ansatz, der auf informeller Massenorganisation beruht und unsere Methode der normativen Erkenntnisentwicklung.

(Normative Erkenntnisentwicklung = der Prozess, wie wir als Gruppe Theorien aufstellen, die sich mit unserer normativen Ausrichtung beschäftigen → Normative Frage = „Was sollen wir tun?“)

Grundsätze der spezifischen Organisation

    (Wir haben uns hier am Text: „Tuli – Zu einigen Grundsätzen anarchistischer Organisationstheorie“ orientiert)

    “Der Einzelne aber ist einzig, kein Glied der Partei. Er vereinigt sich frei und trennt sich wieder frei.” (Stirner 2008: 260)


    Eine Organisation ist eine Ordnung von Menschen und Dingen zur Durchführung eines Zweckes. Sie bildet sich aus den Mitteln, die sie zur Erfüllung des Zwecks benötigt.

    Eine spezifische anarchistische Organisation ist eine Organisation, die sich für ein gemeinsames Projekt gegründet hat. Sie wird auch eine Projektorganisation genannt. Die meisten anarchistischen Organisationen sind Kleingruppen und gründen sich für ein gemeinsames Projekt, welches meist nicht länger als 5 Jahre andauert. Wenn der Zweck erfüllt ist oder das Projekt gescheitert, dann löst sich die Organisation auf und die Organisationsmittel werden auf andere Projekte verteilt, je nach praktischem Nutzen.

    Die anarchistische Organisation soll eine

       1.  freie
       2. funktionale
       3. temporäre
       4. kleine

    Assoziation sein. Frei bedeutet hier, dass es keinen Zwang oder gesellschaftlichen Druck zur Mitgliedschaft gibt und keine Assoziation von außen verhindert wird (zum Beispiel durch ein Gewerkschaftsverbot). Funktional bezieht sich auf die Relation von Zweck und Mitteln. Die Assoziation soll lediglich jenen Zwecken dienen, für die sie von ihren Mitglieder*innen vorgesehen ist. Die letzten beiden Punkte, Temporalität und kleine Größe, der anarchischen Organisation, dienen dazu oligarchische oder anderweitige hierarchische Formationen im Keim zu ersticken.

    Durch diese Einschränkungen soll verhindert werden, dass sich das Prinzip einer Organisation verselbstständigt. Diese Verselbstständigung ist, was der Anarchismus befürchtet, und der Grund warum der Anarchismus jeden Staat ablehnt.

    Der Staat entwickelt seine eigenen Zwecke, die nicht mehr jenen der Einzelnen entspricht. Am Ende dieser Entwicklung wird der Staat zum eigentlichem und einzigen Zweck seiner Existenz. Die Interessen der Untertanen, die der ursprüngliche Grund für die Gründung des Staates waren, müssen sich dem Staatsinteresse (Staatsräson) unterwerfen.

    Deshalb haben anarchistische Organisationen den Grundsatz, ausschließlich die Zwecke ihrer Mitglieder*innen zu verwirklichen. Dafür gibt es einen guten Grund: Es sind allein die Interessen von Einzelnen, welche in letzter Instanz einen menschlichen Zweck erfüllen. Wird das scheinbare Interesse einer Organisation erfüllt ist noch kein lebendiges Interesse erfüllt. Erst die Interessen der Einzelnen sind es, die die Interessen von Organisationen lebendig werden lassen. Den Scheininteressen der Organisation zu folgen, bedeutet, sich dem Sachzwang der Organisation zu unterwerfen und nicht mehr dem Eigeninteresse zu folgen. Die Organisation verselbstständigt sich und entwickelt ein Eigenleben, nach und nach treten die Interessen der Mitglieder in den Hintergrund.

    Herrschaft ist hier nicht, die aktive Unterwerfung von einem oder mehreren Individuen, durch ein oder mehrere andere, sondern der stille Gehorsam gegenüber dem was die verselbstständigte Organisation abverlangt. Wir enden in einer freiwilligen Knechtschaft. Das Problem der verselbständigten Organisation sollte nicht mit dem Verweis „Wir organisierten uns anders“ auf die leichte Schulter genommen werden. Allzu schnell wird aus einer anarchischen eine verselbständigte Organisation.

    So gibt es neben diesen technischen Bedingungen für eine anarchische Organisation, zumindest noch eine weitere moralische Bedingung: Die Wachsamkeit der Mitglieder*innen und ihre aktive Arbeit an einem anarchischen Zustand. Das rastlose Denken ist nicht weniger als eine Notwendigkeit anarchischer Organisation. Anarchismus heißt Bewegung.


    Informelle Organisation

    In der anarchistischen Bewegung gibt es lange schon eine Debatte, in der es um einen (angeblichen) Widerspruch zwischen formellen und informellen Organisationsformen geht. Diese wird mitunter sehr heftig geführt und die Organisationsform einer Gruppe wird schnell zu einer ideologischen Trennlinie erklärt, was natürlich nicht gerade hilfreich für unsere Bewegung ist.

    Wir möchten also darauf, zum besseren Verständnis der Problematik, ein wenig genauer eingehen:

    Unter formellen Organisationen verstehen wir Gruppen, die sich anhand klar ausformulierten Regeln organisieren und somit viel Energie für Verwaltung der eigenen Organisation aufwenden, aber unabhängig von den einzelnen (Gründungs-)Mitgliedern langfristig existieren können. Informelle Organisationen existieren dagegen überall und bestehen aus den sozialen Beziehungen zwischen Menschen, diese sind einfacher aufzubauen und flexibler, erfordern aber ein hohes Maß an Organisation, Erfahrung und Kommunikation zwischen den einzelnen Mitgliedern, da sie sonst sehr strukturlos und kopflos agieren.

    Wir sind der Meinung, dass beide Formen der Organisation Vorteile und Nachteile beinhalten und es deshalb vom Kontext abhängt, wo und wann sie sich als nützlich herausstellen. (Dazu empfehlen wir die beiden Texte „Tyrannei von Strukturlosen Gruppen“ von Jo Freeman und „Machno und die Frage der Organisation“ von Alfredo M. Bonnano, da sie beide Seiten der Debatte gut beleuchten.)

    Für den Kontext in dem wir uns befinden, also Leipzig, mussten wir feststellen, dass außer der FAU keine formellen anarchistischen Gruppen existieren und die informellen Gruppen vereinzelt, zerstritten, ineffektiv und elitär sind. Da informelle Gruppen überall existieren und auch in formellen Gruppen eine wichtige Rolle einnehmen und weil wir schon viel Erfahrung mit informeller Organisation haben, haben wir uns erst einmal eher informell aufgestellt. Wir sind der Meinung, dass ohne eine starke informelle Organisierung der Bewegung, eine formelle Organisation keine Chance auf Erfolg hat.

    Deshalb möchten wir in diesem Feld erst einmal Aufbauarbeit leisten, Anarchist*innen zusammenbringen – zur Organisierung und Koordinierung der Bewegung beitragen, um überhaupt erst einen Startpunkt für radikale Veränderungen zu erreichen. Das Selbstbild der linken Szene und ihre tatsächlicher Handlungsfähigkeit klaffen weit auseinander und anarchistische Gruppen neigen oftmals zur Selbstüberschätzung, deshalb wollen wir uns auf unsere Erfahrungswerte konzentrieren und darauf langsam aber stetig aufbauen. Inwiefern wir uns auch stärker formell organisieren, wird sich dann herausstellen, je nachdem ob dies für das erreichen unsere Ziele notwendig ist.

    „Die informelle anarchistische Organisation […] lehnt es ab, sich eine vorgefertigte Organisationsform zu geben, sie bevorzugt es, sich allmählich in direkter Verbindung mit den Projekten und Zielsetzungen zu definieren, die sich die in ihr präsenten Gruppen und Individualitäten in ihrer subversiven Intervention zu erreichen vornehmen. Sie ist also eine projektbezogene Organisation, die nicht auf einem allgemeinen Programm gründet, die die Mitgliedschaft ihrer Militanten nicht auf vorgefertigte Vereinsregeln stützt, und die keine Gründungsdokumente verfasst, die darauf ausgerichtet sind, ihre Notwendigkeit zu rechtfertigen. Ihre effektive Nützlichkeit wird ständig in Frage gestellt, da ihre Militanten jegliche theoretische Ausgangslage zurückweisen, die von der insurrektionalistischen Praxis, die sie vorantragen, losgekoppelt ist. Sie ist das Ende von jeder getrennten Aktivität, welche Rollen erzeugt, die im Wesentlichen die autoritären und hierarchischen Bedingungen der herrschenden alten Welt reproduzieren.

    Diese Organisation nimmt sich in ihrem inneren Funktionieren nicht die Erreichung irgendeiner theoretischen und operativen Synthese unter den Militanten vor, denn sie befähigt nicht immer nur die Entscheidungsautonomie der Gruppen und Individualitäten, die in ihr präsent sind, sondern berücksichtigt auch die Besonderheiten und Komplexitäten, die die soziale Realität aufweist.

    Ihre Militanten operieren schließlich stets in unterschiedlichen Situationen, die völlige operative Autonomie ist dabei von primärer Wichtigkeit, da sie es erlaubt, jederzeit die Organisationsformen an die unterschiedlichen Umstände anzupassen, die man für wirksamer und geeigneter für die Entwicklung des Kampfes hält.

    Die spezifische informelle anarchistische Organisation bildet:

    1. eine bestimmte Art und Weise, sich unter anarchistischen Gruppen und Individualitäten zu koordinieren, die nach der Erreichung bestimmter Ziele streben;
    2. eine Erweiterung der einzelnen sozialen Interventionen, welche die Gruppen zur Zeit autonom vorantreiben;
    3. einen spezifischen Raum als Diskussionsort zwischen unterschiedlichen Kampfrealitäten;
    4. ein Mittel zur Solidarität und zur Verfügbarkeit von adäquateren Mitteln für jene isolierten Genoss*ìnnen, die ansonsten nicht in der Lage wären, eine eigene autonome Intervention auf dem Gebiet zu realisieren;
    5. eine Vorgehensweise zur gleichzeitigen Aktion auf dem ganzen nationalen Gebiet, indem der den unterschiedlichen sozialen Interventionen das richtige Gewicht gegeben wird, welche ansonsten darin enden würden, auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt zu bleiben.

    Jede neue Intervention, die innerhalb der informellen Organisation vorgeschlagen wird, bedeutet nicht ein Aufgeben der Interventionen, welche die Gruppen und Individualitäten separat voneinander vorantragen, sondern eine Erweiterung, die dazu veranlasst, das, was vorher getan wurde, immer kritischer zu betrachten. […]“

    – Pierleone Porcu, Reise ins Auge des Sturmes. (Auslassungen sind gewollt, wir stimmen nicht mit allem überein oder halten es für diese Erklärung wichtig. Deshalb haben wir unpassende Stellen rausgestrichen. Die angepasste Übersetzung, der sich hier bedient wurde, ist auf exusia.noblogs.org unter „Informelle Organisation“ zu finden.)

    Wir sehen die informelle Organisation als einen grundlegenden Baustein für anarchistische Organisierung und anarchistische Organisationen. Wir finden, dass alle Anarchist*innen informelle Gruppen aufbauen sollten, um sich selbst zu organisieren, gerade auch wenn diese Teil einer formalen Organisation sind. Die informellen Gruppen ermöglichen eine dezentrale Vernetzung von Kampfgruppen, die kaum durch den Staat anzugreifen sind. Ihre breitflächige Anwendung ist unverzichtbar für eine langfristige Organisierung der Bewegung.

    Massenstrukturen

      „Die spezifischen informellen anarchistischen Gruppen üben, um in den Kämpfen die selbstverwalteten Massenstrukturen aufzubauen, eine radikale Kritik an der Wirkungslosigkeit und an der geringen Handlungskraft der Massenstrukturen der Parteien und Gewerkschaften.

      Diese Gruppen schlagen den Ausgebeuteten vor, aus diesen Strukturen auszutreten und auf autonome Weise andere in Gang zu bringen, angesichts der unabdingbaren Notwendigkeit, von einer klaren Organisationsgrundlage auszugehen, wenn man im Kampf vorankommen will und wenn man bestimmte Ziele erreichen will.

      [Hier möchten wir Pierleone Porcu klar widersprechen, wir sind der Meinung, dass es nicht notwendig ist, aus diesen Strukturen auszutreten. Wir teilen aber die Meinung, dass es notwendig ist, klare informelle Strukturen zu schaffen.]

      […]

      So können wir die Aufgaben umreißen, welche die spezifische informelle anarchistische Gruppe in ihrer aufständischen Intervention auf Massenebene entwickelt:

      1. Sich im Gebiet darum kümmern, den Ausgebeuteten durch Informations- und Propagandainstrumente die Gründe zur Bildung einer Massenstruktur als Alternative zu jenen, die von den Parteien und Gewerkschaften betrieben werden, zu erklären, indem sie in jeglicher Hinsicht die positive Funktion klarstellen, die diese Struktur in der Entwicklung des Kampfes haben kann.
      2. das Entstehen verschiedener Massenstrukturen zu fördern, die zeitlich nicht aufgeschoben werden dürfen, sprich: man kann nicht darauf warten, bis es die Ausgebeuteten selbst sind, die sie von alleine entstehen lassen.

      Deswegen bringt die spezifische anarchistische Gruppe in den Kampfsituationen, in der sie präsent ist, diese Strukturen in Gang, und sei es auch auf embryonaler Ebene, indem sie versucht, alle möglichen Zielsetzungen aufzuzeigen, in denen sie sich praktisch entwickeln können. Tatsächlich bedürfen sie, um sich zu entwickeln, da sie, eben, Massenstrukturen sind, der direkten und aktiven Beteiligung von möglichst vielen Proletarier*innen in dem Gebiet, wo sie entstehen.

      Das ist ihre grundlegende Voraussetzung. Aber ihre territoriale Ausweitung sollte stets einer effektiven Erweiterung der Kampffront entsprechen, die, logischerweise, auf der Beteiligung und der spontanen Einbeziehung von immer breiteren proletarischen Schichten beruht. In Aussicht auf eine größere Schlagkraft koordinieren sich diese Strukturen in dem jeweiligen Kampfgebiet. Daraus entspringt das praktische Erfordernis, sich mit einigen Instrumenten auszustatten, die für ihre Entwicklung als unentbehrlich betrachtet werden: einen passenden Ort zu finden, an dem sich alle an den einzelnen Strukturen Beteiligten zu Versammlungen treffen; eine permanente Solidaritätskasse zu gründen, woraus kollektiv bezogen werden kann, um die verschiedenen Initiativen zu entwickeln, sowohl betreffend der Propaganda (Plakate, Flugblätter, Videos, usw.), wie auf Ebene der Aktion (ein Gebiet, wo es hilfreich ist, nicht nur über die nötige Entschlossenheit, sondern auch über eine gewisse Geldsumme zu verfügen).

      […]

      Die Analyse muss uns nicht nur stets korrekt aufzeigen, gegen welche Interessen man kämpft, sondern muss uns auch dazu bringen, jene, die in einem bestimmten Moment unser Klassenbezugspunkt sind, sprich alle Kategorien der Ausgebeuteten, korrekt zu umrahmen.

      Hiermit wollen wir keine marxistischen Haltungen annehmen, sondern wir verteidigen diese These, weil wir überzeugte Materialisten sind und daher denken, dass es, unabhängig von unseren schönen Idealen, bestimmte Interessen gibt, welche die Menschen dazu bringen, sich auf die eine oder auf die andere Seite der Barrikade zu stellen. In diesem Sinne strebt unsere Aktion danach, die bestehenden Interessen und Herrschaftsverhältnisse radikal in Frage zu stellen.

      Die anarchistischen Massenstrukturen gestalten sich innerhalb der Klassenkonfrontation als proletarische autonome Organisationen, die, in ihrer spezifischen Weise, den Kampf anzugehen, keine Hierarchien aufweisen. Sie beruhen einzig auf dem Konzept der permanenten Selbstorganisation, weshalb die Entscheidungen in ihrem Innern stets im Laufe von Vollversammlungen getroffen werden.“

      – Pierleone Porcu, Reise ins Auge des Sturmes. Auslassungen sind gewollt, wir stimmen nicht mit allem überein oder halten es für diese Erklärung wichtig. Deshalb haben wir unpassende Stellen rausgestrichen. Die angepasste Übersetzung, der sich hier bedient wurde, ist auf exusia.noblogs.org unter „Informelle Organisation“ zu finden.

      Militanz

        Eine militante Aktion ist eine zielgerichtete, also strategisch/taktisch bewertete und geplant durchgeführte Aktion. Ihr Sinn besteht darin, mit wenig gesellschaftlicher Macht in einen Kampf einzugreifen und trotzdem möglichst viel zu erreichen. Die militante Aktion ist eine Krücke, kein Selbstzweck der Revolutionär*innen.

        Bsp: Eine Massenaktion ist ein Streik oder ein Sit-In, also eine Aktion, die nur mit einer großen Masse eine Wirkung erzeugen kann. Eine militante Aktion wäre z.B. der Bau eines „Lock-Ons“ (man kettet sich an einem Ort fest und muss dann erst mit technischen Mitteln von der Polizei entfernt werden), wodurch wenige Militante einen großen Effekt erzielen können.

        Eine militante Massenaktion, ist eine Aktion die durch einige Militante gestartet wird, aber von einer Masse (große Gruppe) an Menschen fortgesetzt wird. Das kann daran liegen, dass die von den Militanten genutzte Aktionsform sehr leicht zu kopieren ist oder daran, dass die Militanten die Massen mit Informationen und Erfahrungen über militante Aktionsformen im vorhinein versorgt haben.

        Mit Gewalt hat die militante Aktion nicht zwangsläufig, eine militante Aktion kann auch ein Streik oder eine Sitzblockade sein, wenn sie mit minimalen Mitteln die vorhandene Ordnung effektiv stört und andere zum Mitmachen animiert. Die meisten Gewaltakte, die heutzutage von sog. Militanten verübt werden, können diesen Anforderungen nicht entsprechen. Gewalt kann eines der Mittel sein, wird aber oft auch völlig unnütz sein. (siehe auch: Minimalprinzip vs. Maximalprinzip)

        Diese Aktionsform erlaubt es den Militanten in soziale Kämpfe direkt einzugreifen, aber die Militanten sind immer in Gefahr sich in Soldaten oder in eine Avantgarde zu verwandeln und die bisherige Staatsgewalt mit ihrer eigenen Gewaltherrschaft zu ersetzen.

        Avantgarde

          Eine Avantgarde (dt. Vorreiter) ist eine Gruppe an Revolutionär*innen, die durch Bildung und Leistung an die Vorfront des revolutionären Kampfes treten. Ihre eigentliche Aufgabe war es eigentlich, der Bürokratisierung und Elitenbildung in einer revolutionären Bewegung entgegenzutreten. Doch die Einführung von revolutionären Spezialisten und Kommandeuren führt die Bewegung in eine Diktatur der Avantgarde: Die geschichtliche Betrachtung zeigt uns, dass diese Avantgardisten keineswegs gegen eine Bürokratisierung und gegen Machtmissbrauch vorgegangen sind. Ganz im Gegenteil befeuerten sie diesen Prozess der Herrschaftsbildung nur.

          Wir lehnen das Konzept einer spezialisierten Avantgarde ab, weil wir auf Augenhöhe mit der Bewegung und der Bevölkerung stehen. Wahre Revolutionär*innen kämpfen mit dem Volk, nicht für das Volk.

          Von der Militanz zur Masse

            Wir sehen uns als Militante, also als Menschen, die Aufgrund ihrer materiellen Bedingungen, ein Mindestmaß an Autonomie erreicht haben und sehen unsere Aufgabe darin, unsere Fähigkeiten möglichst flächendeckend im Proletariat zu verbreiten.

            Unser Ziel ist nicht einen revolutionären Mönchsorden zu erschaffen, der die Reinheit der revolutionären Bewegung überwachen soll, sondern wir sehen die Fähigkeit zum Umbruch nur in der Masse, im Volk. Unser Ziel ist es, die Notwendigkeit für Militanz abzuschaffen, da sich der Prozess der Selbstorganisation und Selbstbefreiung in eine Massenbewegung verwandeln soll.

            Beispiel: Ein Stein der auf die Bullen fliegt, ist nicht immer eine militante Aktion. Doch wenn der geworfene Stein dazu führt, dass mehr Leute Steine auf die Bullen schmeißen, dann ist das Militanz. Wenn die meisten Proletarier*innen Steine schmeißen, dann ist ein Steineschmeißer niemals militant, weil das Steineschmeißen zur Massenaktion, zur Normalität geworden ist. Das Ziel dieser Art von Militanz ist die Abschaffung der Militanz.

            Theorie und Praxis

              Theorie und Praxis bilden im Anarchismus eine Einheit. Das ist eine allgemein bekannte Aussage, die sich auf den Grundsatz vom immerwährenden Hinterfragen stützt. Die Theorie wird in der Praxis angewandt und dabei immer wieder an die Praxis angepasst. Der Anarchismus ist in erster Linie eine Theorie zur Organisationsform. Sie beschreibt einen praktischen Vorschlag, wie die Proletarier*innen sich selbst befreien können. Die Theorie im Anarchismus ist also im Gegensatz zum Marxismus (der vor allem beschreibt und Kritik formuliert), eine normative Theorie, die sich mit der Frage beschäftigt, was zu tun ist. Unser Grundsatz der Theoriebildung stellt sich demzufolge so dar:

              Idee – Diskurs – Praxis – Diskurs – Theorie / Theorie – Diskurs – Praxis – Diskurs – Idee

              Zuerst fragen wir uns was zu tun ist, dann diskutieren wir das ganze in der Gruppe, bis wir mit dem Ergebnis der Debatte zufrieden sind. Wenn die Debatte unproduktiv verläuft, dann ist die Idee noch nicht ausgereift und wird erst einmal zur Seite gelegt. Nach der Debatte, wird die Idee in der Praxis angewandt. Nach der Anwendung wird über die Funktionalität der Idee diskutiert. Je nachdem wie die Diskussion verläuft, wird die Idee verworfen, angepasst oder als zweckmäßig befunden. Unsere so gewonnenen Erfahrungen werden wir dann so gut es geht aufschreiben und an die Genoss*innen durch Propagandamaterial weitervermitteln. Die Theorie wird nach jeder praktischen Anwendung auf ihre Zweckmäßigkeit untersucht – Was gestern funktionierte, mag heute scheitern und andersherum.

              Die Zweckmäßigkeit im anarchistischen Sinne besteht aber nur, wenn der Zweck nicht die Mittel heiligt. Jedes Mittel muss(!), unabhängig vom Kontext, noch einmal auf moralischer Ebene hinterfragt werden. Die gewählten Mittel beeinflussen die Gruppe und können sie von ihrem eigentlichem Zweck abbringen:

              »Doch kein Zweck, so nobel er auch sein mag, kann “die Mittel“ rechtfertigen. So ziehe ich es vor, der Geschichte ins Gesicht blickend und ihr revolutionäres Erbe „auf mich nehmend“, mich daran zu erinnern, dass Anarchisten es vorgezogen haben, ihr Leben zu opfern, als jemanden zu treffen, der nichts damit zu tun hatte, und dass einige mit „Liebe“ gegen die Unterdrücker vorgingen. Und mich auch daran zu erinnern, dass die abscheuliche Verachtung gegenüber “dem Volk“ die Eigenheit des Feindes war: der Bourgeoisie und der Aristokratie.«

              – A Corps Perdu 3, S. 31

              Die offene Debatte unter den Genoss*innen ist hier das zentrale Element, ohne die anarchistische Theoriebildung nicht funktionieren kann. Hier knüpft der Anarchismus an die platonischen Grundsätze der offenen Debatte zur Wissensbildung an.

              Das konstruktive und respektvolle Streitgespräch unter den Genoss*innen ist immer produktiver, als Texte zu lesen, da der Mensch die Welt in Geschichten, in Erzählungen versteht. Ein Buch kann nicht auf Rückfragen antworten, ein Mensch schon. Die Wissensbildung geht so verständlicher, schneller und auch tiefgreifender voran.

              Wer schon einmal einen mündlichen Vortrag über ein Thema gehalten hat, weiß das – Es ist deutlich einfacher, sich an das gelernte Wissen zu erinnern, wenn ein Mensch es an andere vermittelt hat. So bauen wir auch direkt Wissenshierarchien ab und verhindern ein Intellektuellen-Latein, dass bei den meisten Theoretikern leider der Standard ist.

              Das verstehen wir unter der Einheit aus (normativer) Theorie und Praxis.

              Den Konflikt in die Gesellschaft tragen

                Wir verstehen uns als „Keimzelle der Befreiung“ innerhalb der kapitalistischen Ordnung, welcher von der eigenen Kleingruppe ausgehend mehr und mehr Teile der Gesellschaft mit den „Wachstumsbedingungen“ für anarchistische Selbstorganisation versorgt:

                Wir verbreiten unsere Ideen von autonomer Organisation und arbeiten mit interessierten Proletarier*innen zusammen an einer bestimmten Kampffront. Während dieser Zusammenarbeit stellen wir unsere Ideen durch praktisches Beispiel vor und passen sie unter Berücksichtigung der Umstände an die gegebene Situation an. Dabei stellen wir unsere Kampfform öffentlich und verständlich vor und diskutieren mit den lokalen Proletarier*innen über deren Effektivität und Sinnhaftigkeit. Stellt sich eine Idee als unzweckmäßig heraus wird sie auf Eis gelegt oder verworfen.

                Wenn diese Ideen effektiv Verbesserungen erwirken und den Proletarier*innen die materielle Basis für Selbstorganisation zur Verfügung steht, dann werden sie ohne weiteres Zutun unsererseits von den kämpfenden Proletarier*innen übernommen, weiterentwickelt und an die sich stetig weiterentwickelnde Situation angepasst werden. Wir liefern einen Startpunkt, die lokalen Proletarier*innen können darauf autonom ihren Widerstand aufbauen.

                So kann aus wenigen, gut propagierten und an die Umstände angepassten (militanten) Aktionen eine massenhafte Kultur des Widerstands entstehen, bei der Proletarier*innen unsere Aktionsideen übernehmen und weiterentwickeln, selbst wenn sie uns nicht kennen.

                Es geht uns also nicht darum unsere Ideen massentauglich zu machen, sondern darum die Masse der Proletarier*innen durch beispielhaftes Handeln und effektive Propaganda davon zu Überzeugen, dass die Selbstorganisation und der kollektive Kampf ihre konkrete Situation verbessern können. Wir wollen also die Masse von unseren Ideen überzeugen und diese an die materiellen Umstände der Kämpfe anpassen, nicht unsere Ideen an die „Befindlichkeiten“ einer Masse anpassen, wobei es sowieso unmöglich ist, es Allen recht zu machen.

                Lasst uns in die Gesellschaft gehen, um unsere Ideen, unsere Praxis offen und stolz zu verbreiten!

                Wir werden siegen!

                Anarchistischer Bund Leipzig