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2. Erklärung des Anarchistischen Bundes Leipzig


Kritik der Linken und des Anarchismus in Leipzig oder: Leipzig in Trümmern

Wir haben uns entschlossen eine politische Gruppe zu gründen, da wir die jetzige Lage der anarchistischen Bewegung in Leipzig beschissen finden. Wir haben viele Probleme erkannt und uns zusammengesetzt, diskutiert und uns verbündet, diese anzugehen.

Wir haben unsere Kritik in diesem Text ausformuliert. Kommende Texte werden Lösungsansätze und Gegenmodelle vorschlagen. Wir fordern euch auf, lest genau, macht euch eigene Gedanken und kritisiert uns. Wenn euch unsere Kritik sauer aufstößt, dann schreibt doch eine Antwort.

Leipzig ist eine Stadt voller Linker, doch passiert hier relativ wenig. Eine anarchistische Bewegung zeigt sich kaum. Grundlegend wird sich viel über Leipzig und die Linke im Ganzen beschwert, aber sonst passiert rein gar nichts. Wir möchten vor allem eine praktische Kritik an den Methoden der Bewegung und an ihrer Ausrichtung üben. Alles ist scheiße, das wissen wir auch, konkrete Kritik ist aber sinnvoller als Trübsal blasen.

Die Kritik ist durchaus ziemlich heftig, aber sie ist angebracht. Wir leben in Zeiten, die uns jederzeit überrollen können, wir finden es also unpassend unsere Kritik hinter schönen Worten zu verstecken. Wir hoffen, dass wir damit zumindest ein paar Menschen aufrütteln können oder eine Debatte anfeuern können. Zuletzt wollen wir anmerken, dass wir viel Zeit und Mühe investiert haben, unsere Kritik zu Papier zu bringen, wir schätzen die anarchistische Bewegung sehr, genau deshalb kritisieren wir.


Endstation BRD

Der Rückzug ins Private und in die Szene von radikal-linken Zusammenhängen, ist in Deutschland seit dem Ende ihrer Hochphase 70er und 80er Jahren zu beobachten. Zwischen 1968 und 1989 hatte die radikale Linke dort ihren Höhepunkt erreicht und hat die Grundlagen für die jetzige Westdeutsche Szene gelegt und somit auch die Ostdeutsche radikale Bewegung grundlegend geprägt. Im Zuge des neoliberalen Umbruchs und dem endgültigen Verrat der sozialistischen Elite am Kommunismus zog sich die radikale Linke zunehmend ins Private und Subkulturelle zurück.

Heute gibt es deswegen viele ältere Jahrgänge, die mit anarchistischen, kommunistischen und anti-autoritären Werten viele positive Erinnerungen verbinden, aber diese alten Genoss*innen haben sich meist vollständig von der radikalen Jugendbewegung abgewandt. Viele Boomer haben ihre Schäfchen ins Trockene geholt und es sich in der Mittelschicht bequem gemacht und trotz der voranschreitenden neo-liberalen Verelendung, gehen jetzt auch jüngere Jahrgänge diesen Weg ins Spießertum und in die vereinzelte Kernfamilie.


Connewitz

In Connewitz hat sich ein ähnlicher Prozess vollzogen: Nach der Wende lag Leipzig in Trümmern, die Stadt wurde ausverkauft und leerte sich zunehmend. Überall standen Häuser leer. Nazis (Reudnitzer Rechte) zogen durch die Straßen und verbreiteten Angst. Nur in Connewitz sammelten sich Linke und begannen Widerstand zu organisieren, es gab Hausbesetzungen und Straßenschlachten.

Die Kämpfe wurden vor allem um die Stockhardtstraße geführt, die Nazis griffen hier regelmäßig an und die Bewohner*innen mussten sich mit allen Mitteln wehren. Über die Jahre veränderte sich Leipzig, wurde ab den 2000ern zunehmend gentrifiziert. Immer mehr Leute aus dem Westen zogen nach Leipzig, in den „wilden Osten“. Die Nazigegend Reudnitz verwandelte sich in eine linke Gegend, genauso die Eisi – obwohl hier die Ausländer*innen die Faschos vertrieben – die Nazis wurden an den Stadtrand verdrängt.

Diese Gentrifizierung wurde versehentlich durch die gesellschaftliche Linke angestoßen und dann von Immobilienunternehmern knallhart ausgenützt. Connewitz, einst ein Kiez der Unterschicht, ist heutzutage ein gutbürgerliches Viertel mit subkulturellem Charme, wo Ökomuttis ihre Brut mit dem Lastenrad zum Kindergarten fahren. Sesshaft gewordene Altpunks und teuer bekleidete Goths geben sich hier die Klinke in die Hand, kurzgesagt: Liberal, Mittelklasse, Spießertum.

Die Eigenwahrnehmung der Connewitzer ist aber noch in den 90ern stecken geblieben, als man tatsächlich noch einen Widerständigen Kiez hatte. Jetzt sind viele Orte nur noch Altersheime für die Kämpfer*innen von früher, die sich hier ihr Bier reinstellen und über die Jugend nölen können. Ein „Riot-Wear“ Klamottenladen setzt dem ganzen noch die Krone auf, auch hier ist Linke Politik zu einem kapitalistischen Konsumgut verkommen.

Dieser Rückzug in eine spießige Existenz im Szene-Kiez ist keine Leistung, sondern ein politisches Armutszeugnis der ursprünglichen Leipziger Bewegung. Die 90er sind vorbei, die 2000er auch, Connewitz ist nicht mehr der von allen Seiten bedrängte Kiez. Leipzig West, Süd und Ost sind fest in linker Hand. Doch die Nazis sind immer noch da und immer noch eine Gefahr, sie wohnen halt nicht mehr so zentral oder haben dafür ihre Hegemonie auf dem Land weiter ausgebaut. Eine Selbstorganisierung des Proletariats findet nicht statt, dafür ganz viel Werbung für DGB, Linkspartei und alle möglichen komischen Vereine.


Schutzraum Volkmarsdorf

Wenn man daran denkt, dass der „antifaschistische Schutzraum“ Leipzig vor allem für die Mittelklasse, die Student*innen, gilt und ein „Gefahrenkiez“ mit offener Drogenszene einen migrantischen „Schutzraum“ darstellen soll, da bietet sich ein desolates Bild:

Eine Gegend wo Kinder mit Spritzen im Sandkasten spielen ist kein „Schutzraum“, sondern ein Ghetto. Wir gehen täglich an verlorenen Junkies vorbei, die auf verschimmelten Matratzen am Straßenrand nächtigen, wir sehen die leeren Blister und Lachgaskartuschen am Straßenrand liegen, doch wollen so einige Linke hier nur die Hamas am Werke sehen; sie entmenschlichen das Leid der Unterschicht, dann können sie es leichter ignorieren.

Die Anderen fetischisieren das Ghetto. Herbeorderte Kader siedeln sich an der Eisi an. Sie kommen nicht um sich in eine Community zu integrieren, sie kommen als „kommunistische“ Siedler, die ein von Kadergruppen dominiertes Viertel erzwingen wollen. Auch hier reden sie immer vom (migrantischen) „Schutzraum“, wo sie doch vom Ghetto reden müssen. Migranten ziehen hier her, weil es für sie nichts anderes gibt und jetzt machen ihnen irgendwelche Sektenkinder und linke Hipster diesen Ort noch streitig. Es ist absurd ihre Rituale zu betrachten, während die Junker und Ticker auf der Straße verrecken. Sie sehen den Wald vor lauter roten Fahnen nicht.

Die anarchistische Bewegung ist auch nicht besser und in eine Schockstarre verfallen. An der Eisi werden Kulturevents für Student*innen veranstaltet, manche Leute rufen gar die Bullen, wenn ein Junker sich in ihren Laden verläuft.

Wir fragen uns, was das soll! Die Jugendlichen brauchen Platz und Ruhe um Hausaufgaben zu machen, Familien brauchen Hilfe mit Anträgen, viele brauchen psychische und soziale Hilfe, um mit dem Ticken oder dem Junken aufzuhören. Die anarchistische Bewegung macht aber kaum etwas, man steht dem Elend einfach schulterzuckend gegenüber. Die Strukturen, die es bereits gibt, sind kaum unter der Bevölkerung bekannt und Vertrauen wird den Gruppen von niemandem geschenkt, zu spontan und unregelmäßig wird etwas gemacht. Demos, Kundgebungen, Infoveranstaltungen scheint es auch kaum zu geben. Es gibt aber Konzerte und Raves, zumindest schönsaufen möchte es sich die Szene. Doch darin sehen wir nur eine Zukunft auf der Entgiftung und Probstheida ist kein schöner Ort…


Das Elend der Plenas

Wir reden viel, machen aber verdächtig wenig. Das Meiste, das wir machen, führt wieder nur zu Stuhlkreisen und Gerede. An sich ist reden nicht schlecht, doch können wir nichts erreichen, noch etwas lernen, wenn wir unsere Ideen nicht in die Praxis umsetzen. Das Diskutieren darüber, wie es besser geht, ist wichtig. Das gemeinsame Planen von Aktionen, gegenseitiges Vernetzen ist aber unerlässlich. Es wird zwar viel geredet, aber unserer Meinung nach findet kaum produktive Diskussion statt:

Es wird zu wenig in Gruppen über Praxis und über unsere Theorie diskutiert, was viel Zeit und Vorbereitung bedarf (vergleichbar mit Seminartagen). Es wird zu wenig gestritten mit unseren Genoss*innen, wenn wir ihre Positionen falsch finden. Kurzgesagt, es gibt viel inhaltsleeres Geschwafel, aber keine ernsthafte Diskussion.

Man sagt etwas, nicht weil es relevant ist oder einem am Herzen liegt, sondern meist nur, um irgendwas gesagt zu haben. Es werden vor allem Ideen vorgestellt, die andere mal machen könnten, man selbst nimmt sich aber nicht die Zeit dafür. Und wenn dann doch einmal konkrete Veranstaltungen geplant werden, bleibt es völlig auf der Strecke, wer die Ideen auch wirklich umsetzt und wie die Aufgaben verteilt werden, sodass niemand überlastet ist.

In diesen Treffen wird uns immer erklärt, dass es hier keine Hierarchien gäbe – „Wir sind ja schließlich alle Anarchisten…“. Dennoch reden am meisten jene Leute, die am längsten dabei sind (am liebsten „reflektierte“ Männer wenn junge Frauen ihnen lauschen). Wer nicht auf die vorherrschenden sozialen Dynamiken einsteigt – sich nicht der Gruppennorm beugt, wird übergangen und das Anders-Sein deutlich spüren gelassen.

Und wehe denen, die Kritik äußern! Sie wird direkt persönlich genommen und verdreht, um das eigene Selbstbild zu schützen, deshalb ist sie allgemeinhin unerwünscht und als arrogante Aufspielerei verschrien. Diese Dynamik führt zu einer allgemeinen Kritikunfähigkeit, weil Kritik immer geheimgehalten oder bestraft wird, statt sie zu begünstigen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Kritiker*innen werden in die Rolle der ewig unzufriedenen Besserwisser gedrängt, sodass man sich selbst keine Gedanken über das eigene Verhalten machen muss: Der Spieß wird einfach umgedreht, im Fokus steht dann die Unverschämtheit der Kritiker*innen, die doch immer den falschen Zeitpunkt für ihre Kritik wählen und die ihre Arbeit gar nicht Wertschätzen können…

Versteht uns nicht falsch, Kritik kann auch auf schlechte Arten geäußert werden, aber der Fokus sollte auf dem Inhalt der Kritik liegen, nicht auf den Gefühlen, die diese verletzt haben könnte. Genauso wollen wir auch nicht das ewige Geschrei nach Aktionen wiederholen, das so manche Hitzköpfe zu einer Gebetsmühle gemacht haben. Die Praxis würde ohne anständige Reflektion ins Leere führen.

Aktion kann nicht ohne Theorie und nicht ohne Diskussion funktionieren, ABER ohne das Machen werden die Diskussionen immer wertlos sein. Oft werden Theorie und Praxis (salopp gesagt: „Reden und Machen“) als Gegenteile dargestellt, doch funktioniert der Anarchismus nur, wenn beide eine Einheit bilden. Wie dies funktionieren kann, werden wir im nächsten Text genauer ausführen.


Anti-Deutsche

„Wer sind die überhaupt, diese Antideutschen? Vielleicht alle und die Regierung vorne dran.“ – Wolfgang Pohrt

Antideutsche, gibts die überhaupt noch? Ist dieses 90er Jahre Residium, das mehr Trotzreaktion auf die eigene Irrelevanz war als wirkliches Programm, überhaupt noch existent?

Wir müsssen schmerzlich feststellen: JA! – Weil alle über sie reden. So wissen jetzt auch die Antideutschen: Sie sind wieder wer, sie sind in unserer Szene relevant und jeder hasst sie. Zurecht.

Die Linken haben bis jetzt nicht gelernt, das man Trolle nicht füttert, nicht mit Aufmerksamkeit und Bestätigung überschüttet – man ignoriert sie. Stattdessen wird sich empört über die Antideutschen, die mit ihren hysterischen Aussagen eh nur versuchen Antisemitismus zu provozieren. Was ihnen leider auch gelingt und uns den verwahrlosten Zustand der Restlinken aufzeigt.

Aber zu was das gut sein soll, wie das helfen soll den Antisemitismus zu überwinden, weiß die „ideologiekritische“ Szene dann auch nicht so recht. Dass die Antideutschen dabei auch selber mal antisemitisch werden, ist wohl das deutsche Gewohnheitsrecht der israelsolidarischen Claqueure.

Außerhalb dieses infantilen Geltungsdrangs, wird von jenen selbsternannten „radikalen und kritischen“ Linken so viel kritisiert wie nur irgendwie möglich, die Praxis und irgendein Politikansatz außerhalb der Akademie werden aber völlig vernachlässigt. Ihre Kritik kann schlussendlich nur als der arrogante Versuch verstanden werden, sich über den deutschen Pöbel zu erheben und aus dem Ohrensessel heraus die hehren Werte der Aufklärung vor den „antisemitischen Moslembekuschlern“ zu verteidigen. Es geht ihnen also nur um moralische Überlegenheit, darum recht zu behalten. Die Veränderung der Verhältnisse ist mal wieder zweitrangig.

Dass das Alles zu nichts geführt hat, ist dem Großteil dieser Bewegung selber klar. Viele bezeichnen sich deshalb nicht mal mehr als Antideutsch, sehen sich gar nicht mehr als Teil dieser Bewegung. Dennoch werden sie weiterhin als diese alten Antideutschen kritisiert – die Kritik verfehlt sie.

Es ist evident, dass diese ebenfalls kritikwürdig sind, dafür muss aber die Kritik auch an die Leute adressiert werden, die man kritisieren will:

Die „Post“-Antideutschen haben sich vermeintlich weiterentwickelt. Ihre ehemalige Wut gegen Deutschland und dessen Linke, ist einem vagen „Wir sind dagegen“ gewichen und wurde durch Gleichgültigkeit und Arroganz ersetzt. Man weiß jetzt alles besser, weil man im Endeffekt nur sagt, dass man nichts weiß. Die Kritik verkümmert zu einer sokratischen Binsenweisheit, um die eigene Idiotie und Ideenlosigkeit zu verdecken.

Es gibt sie aber auch noch, die wahrhaftigen Antideutschen, eine mittlerweile vom Aussterben bedrohte Spezies: Wir meinen die Standfesten, die noch eine klare Trennlinie ziehen können zwischen sich und den auto-gynophilen Mannsweibern, die mit ihrem Netzfeminismus jede Frauentoilette unterwandern. Sie ziehen noch in den täglichen Twitter-Kreuzzug gegen den von bunthaarigen Bauchlinken unterstützten Inifada-Dschihad. Es handelt sich um wahrhaft intellektuelle Querdenker (aber nicht „queer“!), die sich nicht mit lustfeindlichem Schlafschaf-Schund (Jungle World, Konkret, TAZ) zufrieden geben, sondern nur ungestreckte Ideologiekritik aus den Bahamas konsumieren. Doch der Altersdurchschnitt bezeugt ihr baldiges Aussterben, selbst ein aggressives Zuchtprogramm wird hier keine Abhilfe schaffen. Rest in Piss.

Hoffentlich beschäftigen sich Linke in Zukunft nicht mehr so obsessiv mit verlorenen Seelen, sondern mal mehr damit, was bei Einem selber falsch läuft. Dann würden diese nervigen Trolls wahrscheinlich auch nicht so laut rumkrakeelen, sondern sich wieder in ihre irrelevanten Gruppenplenas zurückziehen. Wir sollten lieber die palästinensische Selbst-Befreiung in den Mittelpunkt rücken, anstatt sich mal wieder nur mit Weißen zu beschäftigen.


Perfektionismus

Gerade hier in Deutschland sind die meisten Orgas und Strukturen von den eigenen Ansprüchen gelähmt. Es ist wirklich komisch, was Leute alles planen können und wie viel Zeit in unnütze Details verschwendet wird. Dahinter steht meistens die Angst, etwas falsch zu machen.

Anstatt dass wir mit Erfahrung lernen, sind wir allzu oft damit beschäftigt, tausende Bedenken auszuräumen. Es scheint immer alles falsch zu laufen. Anarchist*innen verstecken sich meist vor Öffentlichkeit und vor negativen Konsequenzen. Sie haben Angst sich zu zeigen, etwas zu wagen, dann kann mensch auch nicht fehlschlagen.

Dieses Elend spielt sich vor unseren Augen immer wieder ab und das Ergebnis ist aber immer der Fehlschlag. Wir müssen mit den Basics anfangen, ersteinmal irgendwo anfangen, auch wenn es noch so unzureichend ist. Wir müssen uns erst einmal hervorwagen, praktische Erfahrungen sammeln und diese auch mit unseren Genossen teilen. Dann können wir stolz ins Rampenlicht gehen, ein Wagnis eingehen.

Das Wagnis ist dem Anarchismus grundlegend eingeschrieben: Wir wagen, um zu gewinnen!

Dieses Jahr äußerte sich der schadhafte Perfektionismus besonders schrecklich, wenn wir bedenken, dass die FAU ihre 1.Mai Demo abgesagt hat. Die Demo hatte 2025 (laut Verfassungungsschutzbericht) 1800 Teilnehmer*innen und hat selbst die Maulwürfe der Geheimdienste beeindruckt. Doch anstatt eine proletarische Demonstration weiterzuführen, die offensichtlich viel Erfolg hatte, wurde sich hinter der eigenen Konflikt-Unfähigkeit versteckt:

Die Pro-Gaza Parolen, die einige Anarchist*innen gerufen hatten, waren der FAU schon zu viel des Guten. Das heißt, alleine die Möglichkeit(!) einer Positionierung zu einem politischen Thema war ein Wagnis zu viel. Das ist einfach nur feige, vor allem in Anbetracht unserer Geschwister, die 1886 in Chicago massakriert wurden und trotzdem weiter auf die Straße gingen.

Die Konsequenz dieser Feigheit: Die Stalin-Sekte KO/KA konnte ihre Propaganda unhinterfragt auf die Straße tragen, es gab keine alternative Demo. Wir verhindern also lieber unsere eigenen Aktionen, wegen politischen Unstimmigkeiten, während Vergewaltiger und Stalin-Jünger ungehindert ihre Lügen verbreiten können. Das ist eine Schande!

Lasst uns stattdessen etwas wagen, auch wenn es nicht klappt. Wer nicht wagt, gewinnt niemals!


Identitärer Moralismus („Identitätspolitik“)

Viele Student*innen sind vollkommen im bürgerlichen Moralismus gefangen und können nur noch über „Privilegien“ und „Arbeiteraristokratie“ reden. Ein Phänomen, welches von den Universitäten ausgehend, immer mehr linke Strukturen zerstört. Dieses Moralisieren, also das enteilen in Gut und Böse, fällt am Schluss immer nur aufs Individuum/den Einzelne*n zurück. Radikale Kritiken an Männlichkeit, Rassismus und der kapitalistischen Produktion (also an gesellschaftlichen Phänomenen) werden dazu missbraucht, Einzelne moralisch zu bewerten. Sie werden von einer systemischen Kritik, in eine bürgerliche und individuelle Kritik überführt und damit völlig unbrauchbar gemacht. Eine radikale Klassenanalyse und proletarische Organisierung ist hier nicht mehr möglich, da diese auf systemischer Kritik basieren, nicht auf dem bürgerlichen Moralismus. Hier haben sicherlich auch die sozialen Medien Mitschuld, die gerade diese Moralpolitik besonders bevorzugen, da identitäre Positionen schnell zu Hass und Spaltung führen, was gut für das „Engagement“ ist, man spricht hier nicht umsonst von „Rage-Bait“.

Dieser „identitäre Moralismus“ ist auch der Hauptgrund, weshalb die studentische Linke keinerlei Kontakt mehr zum Proletariat hat. Wer hat schon Lust auf hochnäsige Besserwisser*innen?

Da man niemanden mehr außerhalb der eigenen Kreise erreicht, wenden sich die Moralist*innen anderen Zielen zu: Die Machtverhältnisse verändern sich, Länder aus dem „globalen Süden“ gewinnen an Macht, während Europa Macht einbüßt. Da springen jetzt viele auf den Zug auf und schwadronieren plötzlich von China, Brasilien, Mexico und Burkina Faso, obwohl sie eigentlich nur Ausländer*innen fetischisieren und keinerlei Ahnung von den Kämpfen in diesen kapitalistischen Staaten haben.

Da viele weiße Linke sich selbst dauerhaft ihrer Kritik am Rassismus aussetzten, wünschen sie sich insgeheim ihre „schlechte“ Hautfarbe abwerfen zu können. Die nicht-Weißen werden idealisiert und so nur auf ihre Andersartigkeit reduziert. Das geht in gewissen Helfersyndrom-Kreisen so weit, dass gewisse Weiße aus „moralischer Überzeugung“ nur mit nicht-Weißen Sex haben wollen. Dies ist natürlich ein Extrembeispiel, aber durchaus kein Einzelfall.

Andere Weiße stürzen sich hingegen in den Trend-basierten Solidaritätsaktivismus. Anstatt langfristige Kontakte mit Befreiungsbewegungen in anderen Ländern zu knüpfen, springt man auf die nächste große Sache auf, die in den sozialen Netzwerken die Runde macht.

Solidarität ist natürlich nichts schlechtes, sie bleibt nur wirkungslos wenn sie nicht langfristig mit den lokalen Kämpfen verbunden wird und sich so auch die lokale Praxis verändert. Es gibt keine Solidarität mit unseren Geschwistern im Ausland, wenn sie nicht in eine breite klassenkämpferische Bewegung eingebettet wird, da der globale Kapitalismus die ganze Welt in seinem Würgegriff hat.

Sonst bleibt diese Solidarität einfach wirkungslos und kann die eigentlichen Probleme nicht angehen. Sie ist nur die Absicherung, um in moralischen Krisenzeiten das „Richtige“ zu tun. Später kann man dann behaupten, dass man „schon immer dagegen war“, aber nicht um irgendetwas zu verändern oder zu bewirken, sondern nur für das eigene gute Gewissen. Die Solidaritätsobjekte (z.B. Palästina, Israel, Ukraine, Kurdistan, Iran) werden also nur ein Mittel für den eigenen Zweck. Die roten Sekten sind da sogar noch zynischer unterwegs und solidarisieren sich nur mit den Menschen, die gerade genug Aufsehen erregen. Dann schicken die „Zeugen Lenins“ ihre Menschenfänger auf die Demos, um neues Menschenmaterial für die Partei zu gewinnen.

Deshalb sind die meisten Linken von Heute in der Uni und gehen dort hin um zu agitieren, denn der Fokus liegt immer auf den Student*innen. Diese sind halt häufiger bürgerlich geprägt und empfänglicher für Moralpredigten oder pseudo-kommunistisches Sektengeschwafel.

Hauptsächlich tummelt die Linke sich dann auch in den Geisteswissenschaften. Ironischerweise sind das die Studiengänge, wo die Macht reproduziert wird, wo die Herrscher*innen von Morgen darin ausgebildet werden, unser System aufrecht zu erhalten. Mittlerweile sind diese Wissenschaften von diesem links-identitären (liberalen) Moralismus durchsetzt und davon ausgehend wird die gesamte linke Bewegung zu einer Bewegung der Moralpriester*innen umgeformt.

So erreichen wir das Proletariat aber nirgendwo, ob in Deutschland oder Indonesien. Doch wollen die Moralisten und Sektierer gar nicht für die Selbstbefreiung kämpfen, sie sehen das „Böse“ nur im US-Imperialismus, im „Westen“. Erst die Vernichtung der USA, würde eine Revolution überhaupt möglich machen, so ihr absurdes Kalkül. Dazu wollen sie sich an irgendwelche Kriegsherren und Sozialdemokraten ranwanzen, anstatt revolutionäre Politik zu machen. Wir müssen diese moralisierende Sicht der Welt endlich lassen. Leute wollen sich organisieren, weil sie Nutzen darin sehen, nicht weil sie von Gestörten angeschrien werden, wie privilegiert sie doch seien.

Wir, das Proletariat, wir brauchen echte Veränderung, keine hohlen Phrasen von Gleichberechtigung. Wir brauchen Wohnraum, wir brauchen Wohnzimmer und Lernräume/Werkstätten. Wir brauchen gutes Essen, wir brauchen Bildung und Freizeitangebote wie Sport und Musik. Wir brauchen Geld, wir brauchen anständige Klamotten, wir brauchen passende Schuhe. Wir brauchen Platz zum Atmen! Wir brauchen eine Organisation oder Organisierung unserer Bewegung, die uns jetzt schon Verbesserungen ermöglicht. Eine Organisierung, die zweckmäßig handeln kann und materielle Veränderungen bewirkt.

Damit wir den Kampf überhaupt führen können, der uns bevorsteht. Sonst sind die einzigen Aktiven immer solche Leute, die es sich leisten können ihre Zeit auf Demos oder im Plenum zu verschwenden.

Wir brauchen Klassenkampf und Solidarität, keine inhaltsleeren Spaltungen. Wir sind Klassengeschwister im Kampf und sollten uns deshalb als solche behandeln, nicht ins Gruppendenken („Tribalism“/„Campismus“) abdriften.


Fuck Rich-Kids!

Dabei ist es besonders verrückt, dass die Moralisten dann meist die Leute sind, die am wenigsten an einer Revolution zu gewinnen haben, weil sie reiche Studenten sind (ob nun „migrantisch“ oder „bio-deutsch“). Fragt sie bloß nicht nach dem Haus ihrer Eltern, sonst erzählen sie einem Stundenlang warum ihre Familie so ganz doll schlimm ist und warum sie sich schon wieder 50 Euro leihen müssen, weil sie wirklich keine „Kappas“ haben, ihre Eltern anzubetteln.

Rich-Kids sind auch immer die Ersten, die von Allen verlangen ihre Privilegien zu „checken“: Da Armut nur eine Marginalisierung von Vielen ist, werden Proletarier*innen, die nicht mit Multi-Marginalisierung (z.B. migrantische Frau und Lesbisch) glänzen können, als „privilegiert“ angesehen. Das verwischt die tatsächlichen Machtverhältnisse. Auch Migrant*innen können Rich-Kids sein und stehen somit in der Hierarchie über Proletarier*innen mit deutschem Pass.

Die Rich-Kids schämen sich für ihre Herkunft und müssen sich deshalb immer neue Marginalisierungen aneignen, um sich selbst noch im Spiegel betrachten zu können. Aber das reicht ihnen nicht, sie müssen überall nach Feinden suchen und diese anprangern, um vom eigenen „Privileg“ abzulenken.

Sie sollten stattdessen ihre Resourcen nutzen, um Leuten, die keine Kohle haben, eine politische Betätigung zu ermöglichen. Das wird aber nicht getan, stattdessen werden Arme meist ausgeschlossen, da sie die studentisch geprägten Szene-Codes oft nicht beherrschen.

Wer dagegen mit Leuten redet, die im Ghetto groß geworden sind, wird das arrogante Studenten-Geschwätz nicht hören, dafür aber eine ganze Menge Klassenhass und spontane Solidarität. Wir fühlen diesen Klassenhass, wir sind auch solidarisch mit unserer Klasse, wir werden unsere Geschwister nicht dafür verurteilen, dass sie nicht studiert haben oder irgendwelche Szene-Codes nicht kennen. Da sehen wir Verbündete und Gleichgesinnte: im Ghetto, am Kassenband, in der Gastro, in der Berufsschule, beim Paketdienst, in der Sonderschule, in der Behinderten-Werkstatt, in der Klapse, im Knast, nicht in den heiligen Hallen der Akademien.


Professionelle Fahnenschwenker*innen

Es hat sich auch gezeigt, dass viele selbsternannte Anarchist*innen die Thälmann-Sekten, auch K-Gruppen genannt, positiv verklären. Anstatt sich selbst Mühe zu geben, versucht man die Roten zu kopieren. Das zeigt sich in den ganzen Plattformen und anderen Anarcho-Parteien, die in den letzten Jahren aus dem Boden sprießen.

Weil gerade viele junge Leute auf den Social-Media-Aktivismus der roten Sekten reinfallen, denken so manche Anarchist*innen, dies kopieren zu müssen. Doch hat die Masse der Taten wenig Aussagekraft über deren Effektivität, sonst hätten die ultraroten Extremfahnenschwenker*innen von MLPD bis KPD/ML schon längst das ganze Proletariat agitiert. Dem ist aber nicht so.

Die roten Gruppen dümpeln wie immer vor sich hin und schwenken rote Fahnen umher. Das ist nämlich alles was sie können, viel Tam-Tam und sich streiten über die Feinheiten des historischen Materialismus. Ein wenig Sektendynamik mit Erniedrigung und Gruppenzwang verleihen dem Ganzen die nötige Würze aus Paranoia und Massenpsychose. Wir sehen ihre Auswüchse bei den Grünen (z.b. Joschka Fischer), bei den Nazis (z.b. Horst Maler) oder als unpolitische Aussteiger, denn die Wenigsten halten diesen Wahnsinn lange durch. Die Lenin-Lutscher machen seit 50 Jahren denselben Dreck und sind kein Stück weiter gekommen.

Ein Treppenwitz der revolutionären Geschichte.


„Militanz“

Die „militante“ Szene ist in Ritualen gefangen: Eine lieblose Hausbesetzung, die natürlich sofort geräumt wird, muss von einem gelangweilten Aufruhr begleitet werden, bei dem ein paar Mülltonnen angesteckt werden und ein bisschen Räuber-Polizist gespielt wird.

Diese Aktionen greifen überhaupt nicht in soziale Kämpfe ein, sondern sind der verzweifelte Versuch irgendwas zu unternehmen. Die Bevölkerung schaut diesem Treiben entweder schockiert, oder gleichgültig zu, bisweilen ein wenig belustigt.

Diese unfreiwillige „Avantgarde“ der Randalier*innen ist hingegen in der Illusion von Militanz gefangen, sie haben meist nicht mal einen Begriff davon. Man kann sie mit dem Klischee des traurigen Clowns vergleichen, der lethargisch immer wieder seine Standard-Show durchzieht, also höchstens eine Witznummer. Das klingt hart, ist aber die Realität.

Wir begrüßen jeden Widerstand, aber Aktionen sollten immer zweckgebunden sein. Gerade haben wir aber keine Bewegung, aus der wir Aktionen machen können – mit der wir in bestehende Kämpfe eingreifen können. Das Selbstbild der harten Kämpfer*innen steht unseren Genoss*innen im Weg. Die Angriffe müssen weitergehen, die politischen Inhalte sind da völlig nebensächlich.

Zum Thema Angriff möchten wir einen alten Text zitieren, der immer noch sehr aktuell ist:

„Für uns sind die Angriffe gegen das System grundsätzlicher Bestandteil des Kampfes. Aber wir halten uns zu Narren. Ein Kampf besteht nicht nur aus Angriff. Doch der Angriff ist keineswegs wichtiger, als die Notwendigkeit auf uns Acht zu geben, unsere kollektiven Geschichten zu bewahren und weiterzugeben, Beziehungen, die auf Schenkung, Solidarität und Gegenseitigkeit beruhen, zu erschaffen, neue Welten und und Kämpfe zu erdenken und die Isolation zu konfrontieren, indem wir subversive und ehrliche Beziehungen mit Menschen etablieren, die sich außerhalb der Szeneghettos bewegen, wo uns das Spektakel vor der Gesellschaft versteckt.

Wenn wir uns weit in die Vergangenheit besinnen, wird es offensichtlich, dass wir schon häufiger verloren haben und dass der schwerste Verlust der historische Bruch und das Vergessen der vergangen Kämpfe war; Es bedeutet wieder ganz von vorn zu beginnen. Die extreme Entfremdung, auf die der Nihilismus eine logische Antwort bildet, ist nichts mehr als das Ergebnis der Niederlage in den vergangenen Kämpfen. Wir finden uns heute in einer Totalität wieder, in einer Gesamheit, die komplett vernichtet werden muss, und das auch nur deswegen, weil nichts mehr davon übrig geblieben ist, was wir einst aufgebaut hatten. Um also nicht alles zu verlieren, jedesmal wenn wir den Aufstand proben, müssen wir uns aufrechterhalten und zwar nicht als isolierte Individuen, sondern als Gemeinschaft, als Zusammenschluss, als generationsübergreifender Kampf. Soetwas ist mit der einzig auf Angriff angelegten Priorisierung nicht zu erreichen.“

– An Anarchist Response to the Nihilists, 2012, Barcelona


Schlussrede:

Wir brauchen endlich eine anarchistische Bewegung, die etwas Aufbauen kann und langfristig Dinge in Angriff nimmt. Wir brauchen eine Wissensweitergabe, wir brauchen Koordination und Organisation. Wir brauchen Disziplin und wir müssen uns endlich Mühe geben: Anarchie ist vor allem harte Arbeit.

Das heißt nicht, dass es eine öde Pflichtaufgabe ist, die wir einfach so hinrotzen können, wie es meist gemacht wird. Wenn wir uns Mühe geben und für eine Sache brennen, dann haben wir auch Spaß daran, wenn unsere Arbeit mit einem schönen Ergebnis belohnt wird. Das Spiel und die Arbeit sind im Anarchismus dasselbe, wir spielen unser Leben, unsere gesellschaftlichen Rollen, genau deshalb sollten wir dieses Spiel auch Ernst nehmen. Als Kinder haben wir unser Spiel auch Ernst genommen und hatten dann meist eine schöne Zeit auf dem Spielplatz.

Wichtig ist, dass sich unsere Genoss*innen aktiv beteiligen und nicht immer nur zum Dabeisein zum Plenum auftauchen. Bringt euch ein und wenn ihr euch nicht einbringen wollt, dann lasst es doch einfach. Niemand zwingt euch dazu, ihr folgt nur eurem schlechten Gewissen und macht es damit allen Menschen schwerer.

Die Anarchist*innen in Leipzig sind in großen Teilen in überholten Verhaltensmustern gefangen, trotz vermeintlich neuer Ideen fallen die meisten Gruppen in die immer gleiche Lethargie zurück. Es liegt aber nicht an den Ideen, sondern am Grundlegendem: Anarchie ist harte Arbeit, die gerade nur wenige in Leipzig bereit sind zu machen. Wer sie nicht machen möchte, sollte sich eine andere politische Idee suchen.

Wir müssen diese Arbeit in Angriff nehmen und die anarchistische Bewegung aufbauen. Daran führt kein Weg vorbei und da müssen wir ordentlich Mühe, Zeit und Ressourcen reinbuttern. Wenn wir weiter so wie bisher machen, dann verhalten wir uns wie Verrückte, die immer das Gleiche wiederholen und andere Ergebnisse erwarten.

Lasst uns lieber Verrückte sein, die das System umstürzen!

Wir werden siegen!

In ewigem Gedenken an die Gefallenen: Sandra, Sandrone, Kyriakos Xymitiris, Andrea Wolf, Elefteria Hambi, Waka, Sonne, Philip Werner Sauber, Snizana Paraskevaidou, Mauricio Morales, Lambros Fountas … es sind zu Viele, um sie alle zu nennen!

PS: Demnächst werden weitere Texte erscheinen die unseren Entwurf von anarchistischer Organisation aufzeigen werden. Damit wollen wir unseren Teil dazu beitragen die anarchistische Bewegung aufzubauen. Seid gespannt, die Texte sind umfangreich und gehaltvoll.